Kapitel 10

Special Moments

Die Momente, die den Verein bis heute prägen
4 Min. LesezeitAktualisiert: März 2026
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Es sind Szenen wie bei einer Meisterfeier. Jubel-Trauben auf dem Spielfeld, wildfremde Menschen, die sich auf den Tribünen umarmen, attraktive Hostessen, die die Humpen mit dem Bier eines ortsansässigen Brauers auf den Rasen tragen und die obligate Bierdusche für Trainer und Verantwortliche. Wer hat’s erfunden? Die Bayern! Die Großkopferten aus München haben die „Weißbier-Dusche“ ab 1999 zu einem Ritual gemacht, das sich bis in die Niederungen des Amateurfußballs etabliert hat. Die Frage, wer in der Allianz Arena eine Woche zuvor gegen den FC Augsburg (3:0) als erster den Gerstensaft in den Kragen gegossen bekommt, ist in der Bundesliga-Saison 2012/13 wesentlich spannender als die Frage nach dem Deutschen Meister. Der heißt ziemlich zeitig mal wieder FC Bayern München.

Dass sich solche Bilder am 18. Mai 2013 aber auch auf dem Rasen der Arena in Augsburg abspielen könnten, das hätte man sicher nicht nur im benachbarten München, sondern auch anderswo kaum erwartet. Nein, das hätten sich wahrscheinlich nicht mal die Autoren der Augsburger Puppenkiste ausdenken können! Der Arbeitstitel ist: „FC Augsburg aus dem Eis“. Denn zur Winterpause ist der FCA mit neun Zählern und zehn Punkten Rückstand auf den rettenden 15. Tabellenplatz in der Abstiegszone fest geeist. Die bayerischen Schwaben könnten zu einem der Klubs zu werden, die sich nach relativ kurzem Gastspiel in der obersten Liga wieder verabschieden – und an die man sich kaum erinnert.

Doch die Mannschaft aus der Fuggerstadt ist gekommen, um zu bleiben. Augsburg spielt im zweiten Jahr in der Bundesliga und schafft in der Rückserie Historisches. Nur Eintracht Frankfurt ist es 1999/00 ebenfalls gelungen, nach einer Hinrunde und nur neun Zählern in der Liga zu bleiben.

Warum? Weil man sich im beschaulichen Augsburg zumindest am Anfang den so oft zitierten „Mechanismen des Geschäfts“, wonach im Misserfolgsfall relativ zeitnah der Trainer entlassen wird, nicht beugen will. Der Verein hält an Trainer Markus Weinzierl fest und dieses Vertrauen soll sich auszahlen. Zwei weitere Personalien werden mitentscheidend sein. Die Verpflichtung von Weltmeister Stefan Reuter als neuem Sportdirektor – und der Transfer des österreichischen Keepers Alexander Manninger.

Der Wandervogel aus Salzburg hat im Fußball schon so ziemlich alles gesehen. Der FC Augsburg ist seit 1994 seine 13. Station als Profi. In England ist er mit dem FC Arsenal und dem großen Arsene Wenger 1998 Meister geworden. In vier Jahren bei Juventus Turin hat er sich zwar gegen den Weltmeister und Volkshelden Gianluigi Buffon nicht durchsetzen können. Doch nachdem sich „Gigi“ eine hartnäckige Adduktoren-Verletzung zugezogen hat und 15 Spiele pausieren muss, erlebt Manninger seine stärkste Phase bei den Norditalienern. Die Verpflichtung von Marco Storari als zweiten Torhüter treibt ihn ab Sommer 2010 erst auf die Tribüne und dann nach Vertragsende 2012 in die Vereinslosigkeit.

In dieser Situation wollen ihn die Augsburger. Sie brauchen dringend einen erfahrenen Keeper als Ersatzmann für den verletzten Stammtorhüter Simon Jentzsch. Bei Manningers Bundesliga-Debüt am 20. Januar 2013, dem richtungweisenden 3:2 beim Abstiegskonkurrenten Fortuna Düsseldorf, beginnen sich die Dinge zu drehen. Mit Manninger zwischen den Pfosten verliert Augsburg nur eines der nächsten vier Spiele. Als ein Muskelfaserriss den Österreicher für fünf Spiele zum Zuschauen verdammt und er beim 2:4 bei Borussia Dortmund kein Rückhalt ist, sieht es nicht gut aus.

Immerhin: Zu diesem Zeitpunkt halten sich die Augsburger hartnäckig auf dem Relegationsplatz 16, der ihnen gegen den Dritten aus der 2. Bundesliga noch eine Chance lässt. Während der gesamten Saison und bis zum alles entscheidenden 34. Spieltag steht die Mannschaft von Markus Weinzierl nur ein einziges Mal besser als Platz 16. Die Tabellenkonstellation lässt es vor dem letzten Spiel gegen die bereits als Absteiger feststehende Spvgg. Greuther Fürth zu, dass Augsburg sich bei 30 Punkten im Schlussakt auf Rang 15 hieven kann. Ein eigener Sieg gegen das „Kleeblatt“ wäre hilfreich, um die punktgleichen Düsseldorfer, die in Hannover gastieren, hinter sich zu lassen. Im günstigsten Fall, bei einer Fortuna-Pleite, würde ein Punkt reichen. Der Tabellensiebzehnte 1899 Hoffenheim, der in Dortmund spielt, hat die schlechtere Tordifferenz.

Vor dem Spiel hat Manninger eine SMS von Gianluigi Buffon erhalten. Gigi, ganz Sportsmann, scheint den Österreicher an diesem so schicksalhaften Tag nicht vergessen zu haben. Die Textnachricht auf Manningers Mobiltelefon enthält nur zwei Worte: „Forza Augsburg!“

Sascha Mölders Sven Voss Sport-Studio ZDF FC Augsburg 2013
Abb.1.1.10 Sascha Mölders (r.) bei Moderator Sven Voss im „Aktuellen Sport-Studio" des ZDF im Jahr 2013. Foto: Imago Images / Martin Hoffmann
Alexander Manninger Klassenverbleib FC Augsburg Mai 2013
Abb.1.1.11 Die „wohlige" Einsamkeit des Siegers: Alexander Manninger verharrt nach dem Klassenverbleib des FC Augsburg am 18. Mai 2013 in sich gekehrt. Foto: Imago Images / ActionPress

Beflügeln kann die Aufforderung Augsburg anfangs nicht. Die Gastgeber beginnen bei sommerlichen Temperaturen nervös. Ragnar Klavan bringt Felix Klaus zu Fall, Elfmeter für Fürth! Manningers Elfer-Bilanz ist mit bislang sieben abgewehrten Elfmetern nicht gerade überragend. Umgekehrt kann er 37 Bälle vom ominösen Punkt nicht halten. Lediglich die Liste der Spieler, die an ihm scheitern, ist beachtlich. Unter anderem die ukrainische Fußball-Legende Andrij Schewtschenko, Italiens Weltmeister Marco Materazzi und der slowakische Fußball-Punk Marek Hamsik verschießen in der Serie A einen Elfer gegen Manninger.

Nun hat sich Edgar Prib die Kugel bereitgelegt. Der Fürther läuft nach fünf Minuten zum Foulelfmeter an und trifft. Denken alle. Schiedsrichter Tobias Welz aus Wiesbaden, ein wachsamer Polizeibeamter, hat gesehen, dass der Koreaner Park Jung-bin vor der Ausführung in den Strafraum gelaufen ist. Der Elfmeter wird wiederholt. Manninger atmet tief durch. Anders als beim ersten Versuch, als er zwar in der richtigen, von ihm aus gesehen linken Ecke ist, aber den platziert und wuchtig getretenen Ball nicht erreichen kann, taucht er jetzt nach rechts – und wehrt ab!

Der Jubel wird in der 30. Minute zum Orkan. Ein direkt verwandelter Freistoß von Tobias Werner geht ins Fürther Tor, jetzt spielen sie in der Puppenkiste „Anything goes“. Weiter geht die wilde Fahrt. Düsseldorf liegt ab der 36. Minute mit 0:1 bei H96 zurück. Der Augsburger Husarenstreich vom Klassenverbleib wäre also jetzt schon perfekt. Das wissen die FCA-Fans aber nur, weil sie sich die Infos via Smartphone holen. Weinzierl und Reuter haben keine Zwischenergebnisse aus den anderen Stadien einblenden lassen.

Nach dem Wechsel macht ein Spieler in der 55. Minute das vorentscheidende 2:0, dem Leverkusens Managerlegende Reiner Calmund mit der Bezeichnung „Callsen-Gedönsheimer“ zu zweifelhaftem Ruhm verholfen hat. Es ist der Mann mit dem Reporter freundlichen Namen Jan-Ingwer Callsen-Bracker, der nach einer Ecke von rechts durch Werner einköpft. Das 2:1 von Florian Trinks (62.) wird nicht mehr zum Party-Crasher. Eine Minute zuvor hat der Hannoveraner Didier Ya Konan das 2:0 gegen Fortuna Düsseldorf erzielt. Das berühmte Pferd, das sich vor der Puppenkiste übergibt, wird es an diesem Samstag in Augsburg nicht mehr geben. Der Koreaner Ji Dong-won macht nach 75 Minuten das 3:1. Der FC Augsburg ist gerettet.

Nach dem Schlussjubel tragen die Hostessen von der Brauerei die Bier-Humpen in T-Shirts mit dem Spruch des Tages: „Die Puppen tanzen weiter durch die Bundesliga“ ins Stadion. Dank Manningers Glanztat und dem Festhalten an Markus Weinzierl tanzen sie 2015/16 auch durch Europa.

Alexander Manninger ist ein stiller Genießer. Während seine Mitspieler einen Jubelkreis bilden, hält er sich abseits. Als der bullige FCA-Stürmer Sascha Mölders mit ihm zum Sky-Field-Interview schreitet, ringt er um Fassung. „Unglaublich“, stammelt der Elfmeter-Held und hält ein paar Sekunden inne. „Die Stadt ist gut, die Typen sind gut“, versucht er es mit einem Alibi-Satz. Auch der Torhüter war gut. „Dass er den Elfmeter gehalten hat“, ist Mölders sicher, „war der Schlüssel zum Sieg. Da hat der Alex sich gedacht: Dann halt ich den mal, dann halten wir die Klasse direkt.“ Ein very Special Moment.

Alle Kapitel: 01. Prolog 02. Good to Know 03. Für die Hater 04. Für die Lover 05. Schlüsselfiguren 06. Personae Non Gratae 07. Tragisch 08. OMG — Oh My God 09. Fun Facts 10. Special Moments 11. Weise Worte 12. Steckbrief [Annex]
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